Sinologie

Gegenstandsbereich der Sinologie ist die Erforschung der chinesischen Sprache, Kultur und Gesellschaft in  ihren vielfältigen Ausprägungen, von den Anfängen der chinesischen Zivilisation im ausgehenden Neolithikum bis zur Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Wie die meisten europäischen Wissenschaftsdisziplinen, die sich seit dem 16. Jh. intensiver mit aussereuropäischen Kulturen befasst haben, verstand sich die Sinologie traditionellerweise v.a.D. als philologische Disziplin. Trotz ihrer immer stärkeren fachlichen Ausdifferenzierung und Spezialisierung seit dem 20. Jh. ist der kompetente Umgang mit klassischen und modernen Texten in der chinesischen Sprache und ihren Varietäten nach wie vor Grundlage jedes Sinologiestudiums. Wenngleich insbesondere der Erwerb der chinesischen Schrift einer gewissen Mühe bedarf, sind (einem weit verbreiteten Klischee zum Trotz) sowohl das klassische Chinesische als auch das moderne, gesprochene Hochchinesische mit etwas Zeitaufwand ohne weiteres erlernbar. Sie bieten einen unersetzlichen, direkten Zugang zu den mannigfaltigen Manifestationen der chinesischen Kultur in ihren philosophischen, literarischen, historischen, religiösen oder auch ästhetischen Dimensionen.

Zum Spracherwerb in der modernen Sprache stehen stehen in der Schweiz an drei Standorten eine Vielzahl von spezialisierten Sprachlektoren bereit. Die sinologischen Abteilungen der asienwissenschaftlichen Institute in Genf und Zürich bzw. das Chinesischlektorat an der Universität St. Gallen bieten einen einen anspruchsvollen Unterricht unter Einsatz selbstentwickelter Unterrichtsmaterialien und modernster elektronischer Hilfsmittel. Spezielle Kurse helfen dabei, sich auf die chinesischen Normsprachprüfungen in der VR China und der Republik Taiwan vorzubereiten, die an den beiden Universitäten abgelegt werden können. Zudem existieren zahlreiche Möglichkeiten für ein Auslandsstudium in der Volksrepublik China und in Taiwan. In der Schweiz steht jedes Jahr  eine stattliche Anzahl von Regierungsstipendien zur Verfügung, die über swissuniversities (CRUS) vergeben werden. Durch die steigenden, aber im Vergleich zu Massenfächern wie Wirtschaftswissenschaften, Jura oder Psychologie nach wie vor überschaubaren Studierendenzahlen ist im Normalfall ein sehr enger Kontakt zwischen Studierenden und Dozierenden möglich.

Je nach fachlichen Fragestellungen und Spezialisierungen verwendet die akademische Sinologie eine Vielzahl von geistes- und sozialwissenschaftlichen Methoden, die einen systematischen Zugriff auf ihre Gegenstandsbereiche erlauben. Anders als die „reinen“ Methodenfächer (etwa Politikwissenschaften, Geographie, Soziologie usw.), die sich gelegentlich mit Chinathemen befassen, erlaubt der Zugriff auf Texte und Medien (etwa Filme oder Bilder) in chinesischer Sprache eine andere Dimension der kulturellen Auseinandersetzung und wissenschaftlichen Durchdringung. Durch die lange, wenn auch sicherlich nicht völlig ununterbrochene Kontinuität der chinesischen Zivilisation ist ein tiefgreifendes Verständnis  der Geschichte und Traditionen für eine Einschätzung von Gegenwartsphänomenen unabdingbar, während kulturelle Diskurse der Gegenwart ihrerseits wichtige Anhaltspunkte für eine kompetente Kontextualisierung der Vergangenheit bieten. Spätestens im Zeitalter der Globalisierung, aber durchaus auch schon in vormodernen Zeiten, kann China kaum als nach aussen abgeschlossener kultureller „Monolith“ begriffen werden, sondern muss stets vor dem Hintergrund seiner  Verflechtungen mit den unmittelbar umgebenden asiatischen Kulturen, Zentralasien und Europa betrachtet werden.

Sinologie ist somit oft genug ein bereits im Ansatz inter- bzw. transkulturelles Fach, das umgekehrt, etwa im Fall ihrer Einbettung in einen allgemein kulturwissenschaftlichen Studiengang an der Universität St. Gallen, zur Erweiterung der interkulturellen Kompetenzen sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Studierender beiträgt. Hier können Kenntnisse der modernen, zeitgenössischen und vormodernen chinesischen Kultur, Literatur, Medien, Geschichte und Politik erworben und vertieft werden. In seiner breiten, genuin geisteswissenschaftlichen Ausrichtung unterscheidet sich das Curriculum in St. Gallen somit von reinen Sprachkursangeboten, wie sie an den Universitäten Basel, Bern und Lausanne und dem gemeinsamen Sprachenzentrum von ETH und UZH seit vielen Jahren existieren und dort teilweise in die Curricula von Fächern wie Sozialanthroplogie, Religionswissenschaften, Allgemeine Sprachwissenschaft usw. eingegliedert sind.

Die grosse Bandbreite möglicher fachlicher Ausrichtungen spiegelt sich auch in den Spezialisierungen der sinologischen bzw. chinawissenschaftlichen Lehrstühle der Schweiz wider, deren Interessensgebiete weit gefächert sind (vgl. die Profilseiten der einzelnen Institute unten). Während die Berufsaussichten für Sinologen/-innen sich in den vergangenen Jahren sehr erfreulich gestalteten, ist es kaum möglich, von einem festen Berufsbild für Absolventen/-innen zu sprechen. Neben „klassischen“ Beschäftigungen im Hochschul- und Bildungsbereich eröffnen sich je nach gewählter Perspektive und Nebenfachkombination eine Vielzahl beruflicher Möglichkeiten in der Wirtschaft, dem öffentlichen Dienst, bei internationalen Organisationen, Medien, Stiftungen oder Nichtregierungsorganisationen. Die Möglichkeit zur Umsetzung der im Sinologiestudium erworbenen sprachlichen, analytischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten ist zweifellos in sehr vielen Bereichen gegeben, auch solchen, die vielleicht nur entfernt mit China zu tun haben. Entscheidend ist oft vielmehr ein persönliches Interesse an den jeweiligen Studienfächern und Forschungsthemen.

Sinologische – Studienmöglichkeiten

Die folgende Tabelle listet die Standorte der sinologischen Institute in der Schweiz und die jeweiligen Studienangebote, inklusive solcher verwandter Gebiete.

Genf – Unité des Études Chinoises:

Verwandte Studienangebote

Basel:

St. Gallen, Kontextstudium School of Humanities and Social Sciences, Chinese Culture and Society Chair: